Von Kristina Marlen
Sexy und subversiv: Sommer in Berlin
oder: Die hohen Feiertage der Lust, Pride, XPLORE und die Kunst, Sexualität weiter zu denken
Der Juli ist der Monat der hohen Feiertage der queeren Community in Berlin.
CSD, Dyke* March, Drag March, Trans Pride: Berlin hat wieder Glitzer geschwitzt, Flagge gezeigt und seinen Körper auf die Straße getragen. Es wurde getanzt, protestiert, geküsst und gestritten (natürlich auch intern) – und daran erinnert, dass Sichtbarkeit niemals nur Dekoration ist und Freiheit immer wieder erkämpft werden muss.
Nun sind die großen Paraden vorbei.
Die sexuelle Revolution jedoch noch nicht!
Denn nächstes Wochenende beginnt mit der XPLORE ein weiterer hoher Feiertag der sexpositiven Berliner Szene. Ein Festival für alle, die unter Sex etwas mehr verstehen als die mehr oder weniger talentierte Reibung von Genitalien – oder jene einfallslose Formel „Penis in Vagina“, auf die unsere Kultur Sexualität hartnäckig zusammenzustreichen versucht.
Die XPLORE begleitet mich seit vielen Jahren. Ich war dort als Besucherin, Lernende und gelegentlich auch als Lehrende. Viele Impulse aus Felix Ruckerts Arbeit, aus der damaligen Schwelle 7, dem heutigen IKSK und den Räumen rund um das Festival fließen bis heute in meine eigene Arbeit ein.
In diesem Jahr unterrichte ich dort nicht. Ich empfehle Dir das Festival trotzdem aus vollem Herzen – aus Verbundenheit mit Felix, seinem Gründer und künstlerischen Motor, und mit dem Team, das diesen eigenwilligen Kosmos Jahr für Jahr möglich macht.
Felix ist Tänzer, Choreograf und Konzeptkünstler. Seit Jahrzehnten verbindet er Tanz, Performance, BDSM und bewusste Sexualität. Der Körper wird dabei nicht bloß betrachtet oder vorgeführt. Er wird selbst zum Ort der Erkenntnis. Wer etwas begreifen will, muss die Zuschauertribüne verlassen und sich auf die Bühne der eigenen Erfahrung wagen.
Berlin, Körper und Avantgarde
Manchmal erinnert mich die Berliner sexpositive Szene an die Avantgarde der 1920er-Jahre.
Nicht, weil alle ständig nackt auf Samtsofas liegen und Absinth trinken. Zumindest nicht ausschließlich.
Sondern weil hier Sexualität als Kunstform, Erkenntnisweg und gesellschaftliche Zumutung ernst genommen wird.
Die XPLORE nennt sich ein Festival zur „Kunst der Lust“. Drei Tage lang treffen Performance, Körperarbeit, BDSM, Tanz, Kommunikation und sexuelle Forschung aufeinander. Vieles entzieht sich den gewohnten Kategorien – und genau darin liegt seine Kraft.
In diesem Jahr treibt Felix das Experiment noch ein Stück weiter. Es gibt keinen festen Zeitplan, keine beruhigende Workshopliste und keine Garantie, zur richtigen Stunde im richtigen Raum zu sitzen. Aktivitäten entstehen in Wellen, Räume öffnen und verändern sich, und die Besucher*innen müssen selbst herausfinden, wann es Zeit ist, teilzunehmen, zuzuschauen oder weiterzuziehen.
Das Motto lautet: „Zur rechten Zeit – wenn die Zeit reif ist.“
Ein Affront gegen die deutsche Sehnsucht nach Ablaufplan und Pünktlichkeit. Zugleich verlangt dieses Konzept genau das, worum es auch in einer lebendigen Sexualität geht: Aufmerksamkeit, Selbstverantwortung und die Fähigkeit, wahrzunehmen, was gerade wirklich geschieht.
Denn unsere Kultur redet erstaunlich viel über Sex und meint damit erstaunlich oft dasselbe schmale Programm. Die XPLORE erinnert daran, dass ein Körper mehr kann als funktionieren und Lust mehr ist als der erfolgreiche Vollzug einer bekannten Choreografie.
Darin liegt auch die Verbindung zu Pride. Queere Bewegungen haben nie bloß um Sichtbarkeit gebeten. Sie haben infrage gestellt, wer lieben, begehren und sich zeigen darf – und nach welchen Regeln.
Davon profitieren wir alle.
Die gute Nachricht: Auch Menschen, die sich selbst für ganz gewöhnlich halten, dürfen ihre Gewohnheiten gelegentlich überprüfen.
von Kristina Marlen: https://www.marlen.me/
